Es sollte hoch hinausgehen - auf dem Rothaarsteig von Brilon gen Süden. Die erste Tagesetappe würde auf den Langenberg führen, mit 843m ü. NN der höchste Berg Nordrhein-Westfalens. Je nach Stimmung habe ich mir für die Tour 2 bis 3 Tage vorgenommen.

Trotz Solo-Tour stellt sich bei der Anfahrt nach Brilon im Regionalexpress so etwas wie Geselligkeit ein. B. vom Sitz nebenan hört zwar - wie auch für die Mitreisenden unschwer aus seinem Kopfhöherer zu vernehmen ist - böse Musik über das Ficken von Müttern und Essen von kleinen Kindern, ist ansonsten aber ein netter Kerl. Auf dem Weg zu einem Familienbesuch will er sich noch schnell betrinken, gerne auch in Gesellschaft. Nachdem wir sein letztes Bier weggemacht haben, will ich seine Einladung auf ein weiteres am Bahnhof Brilon Wald gerne annehmen. Leider erweist sich "Brilon Wald" aber als genau so, wie der Name vermuten lässt - nichts als Wald, nichtmal eine ordentliche Bude am Bahnhof. Also trennen sich unsere Wege und ich mache mich den Berg hoch, auf zum Rothaarsteig.

Richtig winterlich ist's, mit leichtem Schneefall, aber die Wege sind noch gut zu passieren. Der erste Cache auf dem Weg ist die "Feuereiche" (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=gcjjwy). Ein leichter Fund, aber langsam fängt der Wind an, kräftig zu blasen. Auf dem Weg zu den Bruchhauser Steinen (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GC1NGCQ) kommt richtiges Winterurlaub-Feeling auf. An der Ewigen Quelle (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GCG8Z1) fülle ich meine Thermoskanne auf. Meine mitgeführten Wasservorräte sind minimal, schließlich liegen am Rothaarsteig viele Quellen und jetzt im Winter überall Schnee. Dann geht es zu den Bruchhäuser Steinen. Normalerweise kostet der Eintritt in das Naturschutzgebiet 3,50 Euro, aber jetzt im Winter ist das Info-Zentrum verrammelt. Für den Earth-Cache Bruchhauser Steinen (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GC1NGCQ) benötige ich ein
Foto auf dem Feldstein. Dort ist auch der Startpunkt für den Cache Die Ewigen Quelle (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GCG8Z1).

Auf dem Weg zum Feldstein wird mir bewusst, dass so eine Wintertour nicht einfach eine normale Tour mit etwas niedrigeren Temperaturen ist, sondern ihre ganz eigenen Tücken hat. Zum Teil sinke ich knie- bis hüfttief im Schnee ein. Der Feldstein ist komplett zugeschneit. Am Geländer hangele ich mich nach oben. Der Gipfel bietet echt alpines Feeling: Der Wind bläst mir den Schnee um die Ohren, dass es nur so pfeift. Just in dem Moment ruft die Lebensabschnittsgefährtin an, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen - perfekt gewählter Zeitpunkt. :-) Ich mache ein paar Erinnerungsfotos (werden auch für den Earth-Cache gebraucht) und suche den Hinweis für den Multi (leider ohne Erfolg). Den ersten Hinweis für Die Ewigen Quelle (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GCG8Z1) kann ich zwar nicht finden, aber da ich die Quelle auf dem Weg nach oben ja bereits passiert habe, versuche ich einfach von dort aus die fehlenden Koordinaten zurückzurechnen. Leider ohne Erfolg. Der erste DNF auf dieser Tour - es soll nicht bei einem bleiben.

Als Ziel für den ersten Tag habe ich mir vorgenommen, den Langenberg zu erklimmen und mir dann eine Lagerstätte zu suchen. Ein ambitioniertes Ziel, denn ich bin spät gestartet. Um 16 Uhr mache ich noch einmal in einer Schutzhütte Rast, bevor es den Langenberg hoch geht. Schnell wird es dunkel. Gegen 18 Uhr finde ich ein paar einladend große Tannen, unter denen ich sicherlich ein hübsches Nachtlager aufschlagen könnte. Aber noch ist das Tagesziel nicht erreicht, also weiter den Berg hoch - ein Fehler, wie sich später herausstellt. Ich hätte da mal in Ruhe ein ordentliches Lager aufschlagen und erst am nächsten Tag weiterziehen sollen. Aber ich kann ja wieder nicht genug bekommen. Also weiter. Gegen 19.30 Uhr stehe ich tatsächlich auf 843m ü.NN auf dem Langenberg - ich habe den höchsten Punkt Nordrhein-Westfalens erreicht. Den zugehörigen Cache "843m über N.N." (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GCM7QE) suche ich unter der dicken Schneedecke nicht.
Jetzt ist es wirklich an der Zeit, einen Lagerplatz zu suchen. Ich folge dem Rothaarsteig weiter - oder versuche es zumindest. Unter dem meterhohen Schnee ist ein Weg nicht auszumachen, die Beschilderung auch nur sporadisch. Die Dunkelheit und das Schneetreiben tun ihr übriges. Ich laufe nach Gefühl und GPS. Mit einer gemütliche Wanderung hat das hier nichts mehr zu tun. Ich breche immer wieder im Schnee ein, teilweise hüfttief. Bei dem Wind wird es mir kaum gelingen, mein Tarp vernünftig aufzustellen. Die nächste Hütte ist die Hochheide-Hütte. Dort hoffe ich, einigermaßen geschützt mein Nachtlager aufschlagen zu können. Im Schneesturm bis dorthin vorgekämpft muss ich aber feststellen, dass das keine Schutzhütte ist, sondern eine bewirtete Hütte - die zu dieser Tages- und Jahreszeit allerdings nicht bewirtet ist. Alles verrammelt. Inzwischen ist es 21 Uhr, und ich merke die Anstrengungen des Tages nur allzu deutlich.
Was nun? Laut Karte ist die nächste Schutzhütte 2,5 Kilometer entfernt. Weiter geht's. Die Strecke führt über offenes Feld. Immer wieder sinke ich bis zur Hüfte im Schnee ein. Es geht extrem langsam voran. Jeder Schritt kostet Kraft. Nein, das hat keinen Zweck. Zurück in den halbwegs geschützten Wald. Die Warnschilder "Steinbruch! Lebensgefahr! Betreten verboten!" schaffen nicht gerade vertrauen. Ich suche eine halbwegs windgeschützte Stelle und spanne mein Tarp so gut es geht zwischen Bäumen auf. Wenn ich die Heringe nicht zu Hause vergessen hätte, wäre es bestimmt besser in Form, aber für heute Nacht muss es reichen.
Meine Wasservorräte sind inzwischen aufgebraucht, aber es liegt ja genug Schnee herum. Ich muss jedoch feststellen, dass es ein äußerst mühseliges Geschäft ist, Schnee über einem Esbit-Kocher zu schmelzen. Note to self: Für die nächste Wintertour sollte ich mir einen effektiveren Brenner zulegen. Vielleicht versuche ich es mal mit Spiritus. Inzwischen werden meine Füße kalt und kälter. Meine Socken sind komplett nass. Ich vermute, der Schnee ist über den Schaft der Schuhe eingedrungen und geschmolzen. Nachdem ich eine minimale Menge Wasser gewonnen habe, gebe ich den Plan auf, noch eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen und verkrieche mich in den Schlafsack. Wenigstens der ist es bei -8° Außentemperatur mollig warm. Auch die selbstaufblasende Iso-Matte isoliert ordentlich. Nach der Anstrengung des Tages tut es gut, im warmen Schlafsack zu liegen. Trotzdem schlafe ich nicht viel.
Gegen 6 Uhr geht es am nächsten Morgen weiter. Die Bilanz des vorangegangen Tages: 21 km Strecke, 1482 m hoch, 1110 m runter. Die nassen Schuhe sind komplett eingefroren, aber irgendwie zwänge ich mich hinein. Der vorherige Tag steckt mir ganz schön in den Knochen und die Knie schmerzen. Vielleicht sollte ich es doch mal mit Wanderstöcken versuchen. Auf der Suche nach dem Nachtquartier habe ich mich etwas vom Rothaarsteig entfernt. Deshalb beschließe ich, zur am Vortrag anvisierten Hütte zu gehen, dort erstmal zu frühstücken und dann zu entscheiden, ob ich die Tour weitergehe oder nach Willingen absteige und den nächsten Zug nach Hause nehme. Ich erreiche die Hütte nach einer weiteren Stunde. Kurz vorher werden an der Hoppecke-Quelle noch schnell die Wasservorräte aufgefüllt. Die Entscheidung, die Tour zu beenden, fällt leicht. Mit nassen Füßen macht so eine Wintertour nicht richtig Spaß, und eine Chance, Schuhe und Socken trocken zu bekommen, gibt es nicht. Also runter nach Willingen zum Bahnhof. Auf dem Weg logge ich noch ein paar DNFs: "Am Waschkump" (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GC1HWWO) - zu viel Schnee; "Beobachtet" (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=gc1rem1) - den habe ich wohl nicht ganz richtig verstanden; "Willingen Sued" (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GCZTB8) - Petling gefunden, aber so festgefroren, dass kein rankommen ist; Klaus First Cache (
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?wp=GC109ZQ) - och nö, ich grabe jetzt nicht den Schnee an allen umliegenden Bäumen nach 'nem Petling um.
Am zweiten Tag vielen nochmal 12,4 km an, 326 m hoch, 634 m runter. So war's dann eine etwas kürzere Tour, die dafür aber abenteuerlicher war als so manche längere. Ich bin auf jeden Fall auf meine Kosten gekommen. Ein paar Lehren für's nächste Mal:
- Auch deutsche Mittelgebirge sind im Winter nicht zu unterschätzen.
- Esbit-Kocher taugen allenfalls, um mal einen lauwarmen Kaffee zu brauen.
- Ich muss meine Tarp-Aufbautechnik verbessern. Nächstes Mal sollte ich ernsthaft überlegen, Heringe und Stangen mitzunehmen.
- Ich sollte netter zu meinen Knien sein und vielleicht doch mal mit Trekking-Stöcken auf Tour gehen, auch wenn das mega-uncool ist. Damit hätte ich auch Stangen für das Tarp (s.o.).
- Bei mehrtägigen Touren sollte ich mir realistische Tagesetappen setzen und die auch einhalten - nicht laufen, bis gar nichts mehr geht.
- Bei künftigen Winter-Touren Gamaschen tragen, um nasse Füße zu vermeiden.
- Wenn die Schuhe doch nass werden, man aber noch trockene
(Wechsel-)Socken hat, halten Plastiktüten zwischen Socken und Schuhen die Füße trocken.